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Eyjafjallajökull: Am Ort des Geschehens

April 20th, 2010

Eruptionswolke am 17. April 2010 (NASA)

Eruptionswolke am 17. April 2010 (NASA)

Der Eyjafjallajökull (zu deutsch etwa: Inselberggletscher) – mittlerweile können den Namen die meisten ModeratorInnen aussprechen – ist ein Glücksfall für die Isländer. Gewiss, unter dem Eispanzer schlummert ein Vulkan, was eine gefährliche Mischung aus Feuer und Eis mit sich bringt. Reagiert vulkanische Lava mit Wasser, sind Eruptionen umso explosiver. Nein: Eyjafjallajökull gehört zu den kleineren Gletschern Island. An seinen Flanken liegen nur wenige Höfe.

Explodieren subglaziale Vulkane, kommt es zu einem Jökulhlaup (wörtlich: Gletscherlauf) und Schmelzwasser dringt unter dem Gletscher hervor. Nicht Asche oder Lava stellen die unmittelbarste Gefahr der isländischen Kettenraucher Vulkane dar, sondern Jökulhlaups. Auch hier können die Isländer froh sein: Eyjafjallajökull entwässerte die geschmolzenen Massen über eine vergleichsweise schmale Sandur-Fläche, das Markafljótsaurar. Ein Sandur, oder Sander, ist eine Jökulhlaup-Auswaschebene aus grobem Gesteinsschutt und etlichen größeren Findlingen.

Warum hatten die Isländer Glück? Die letzte große Jökulhlaup ereignete sich im Herbst 1996. Der Vulkan Gjálp unter der größten Eiskappe Europas, dem Vatnajökull, brach damals aus. Die wenige Wochen andauernde Eruption führte übrigens genauso zu Einschränkungen im Flugverkehr, jedoch nur im Nordatlantikraum aufgrund für Mitteleuropa günstigerer Windbedingungen.

Die Eruption füllte den subglazialen See Grímsvötn mit Schmelzwasser, der ab einer kritischen Füllung überlief und dann binnen eines Tages zum zweitgrößten Strom der Welt anwuchs: Bis zu 45.000 m³/s Schmelzwasser ergossen sich ins Meer, an Wassermasse nur übertroffen durch den Amazonas. Die Ringstraße, Islands Hauptverkehrsstraße, wurde schwer beschädigt, zwei Flüsse verlagerten willkürlich ihre Flussbetten und das angespülte Sedimentmaterial verschob die Küstenlinie um 800 Meter ins Meer hinaus. Rund 750 km² neues Land entstanden. Bei der Besichtigung der Schäden sagte der damalige Ministerpräsident Davíd Oddson*, in wenigen Stunden sei Island im Straßenbau um 20 bis 30 Jahre zurückgeworfen worden.

Die Jökulhlaup von 2010 ist bei weitem nicht so schlimm [Nachtrag: selbst die Ringstraße wurde aktuell nur leicht beschädigt und ist bereits wieder repariert]. Als ich im März 2008 einen Ausflug in die Gegend machte, war es noch friedlich. Durch das Markafljótsaurar zogen ein paar Rinnsale, durch die wir mit unserem Leihwagen leicht furten konnten. Die Sanderebene ist erstaunlich weit und karg – so als warte die Natur schon auf den nächsten Ausbruch mit der damit verbundenen Flutwelle. Mancherorts liegen erstaunlich große Findlinge herum.

Markafljótsaurar (Karl Urban, CC-BY-SA)

(Karl Urban, CC-BY-SA)

Markafljótsaurar (Karl Urban, CC-BY-SA)

Markafljótsaurar (Karl Urban, CC-BY-SA)

(Karl Urban, CC-BY-SA)

Markafljótsaurar (Karl Urban, CC-BY-SA)

Markafljótsaurar (Karl Urban, CC-BY-SA)

Markafljótsaurar (Karl Urban, CC-BY-SA)

Dreht man sich an dieser Stelle um, steht man vor Gígjökull, einer Gletscherzunge des Eyjafjallajökull. Die Gletscherlagune Lónið ist hier noch gefroren, im Sommer driften Eisberge darüber.

Gígjökull (Karl Urban, CC-BY-SA)

Gígjökull (Karl Urban, CC-BY-SA)

Gígjökull (Karl Urban, CC-BY-SA)

Gígjökull (Karl Urban, CC-BY-SA)

Gígjökull (Karl Urban, CC-BY-SA)

Gígjökull (Karl Urban, CC-BY-SA)

Gígjökull (Karl Urban, CC-BY-SA)

Gígjökull (Karl Urban, CC-BY-SA)

Gígjökull (Karl Urban, CC-BY-SA)

Gígjökull (Karl Urban, CC-BY-SA)

Gígjökull (Karl Urban, CC-BY-SA)

Beim Ausbruch des Eyjafjallajökull kam es wie 1996 zu einer Gletscherflut, die aber weitaus kleiner ausfiel. Ein Großteil der Wassermassen trat aus dem Gígjökull aus und ergoss sich über das Markafljótsaurar in Richtung Meer. Es wird gemunkelt, die ausfließende Lava hätte die Lagune Lónið komplett ausgegossen. Die so malerische Landschaft existiert in dieser Form wohl gar nicht mehr. Auf einer aktuellen Aufnahme des deutschen Satelliten TerraSAR-X erkennt man gut, wie sich das Schmelzwasser seinen Weg gen Norden sucht, in Richtung Gígjökull. Gut erkennbar sind auch die drei Schlote direkt unter dem Gletscher.

TerraSAR-X: Eyjafjallajökull (DLR)

TerraSAR-X: Eyjafjallajökull (DLR)

*Der gleiche Davíd Oddson wurde später übrigens Zentralbankchef, gilt als Hauptverantwortlicher für den Crash des isländischen Bankensektors 2008 und schaffte es 2009 dennoch, Chefredakteur der größten Tageszeitung Morgunblaðið zu werden.

Wilkins-Eisschelf steht vor dem Abbruch

April 4th, 2009

Der der 14.000 Quadratkilometer große Eisschelf ist nach dem Abbruch zweier Teile im Februar und Mai 2008 nur noch über eine 900 Meter breite Straße mit dem antarktischen Festlandeis verbunden. Die überdurchschnittliche Lufterwärmung in der Westantarktis hat gemeinsam mit der letzten Sturmsaison zu einer Destabilisierung der Eisbrücke geführt. Dies wurde ein weiteres Mal bestätigt, als die ESA im November 2008 mit Hilfe des Umweltsatelliten Envisat neue Risse im Eis entdeckte. Das Eis ist also ständig hohem Stress ausgesetzt.

Der Wilkins-Eisschelf bedeckt die Seestraße zwischen Alexander Island, Charcot Island und Latady Island an der Westküste der antarktischen Halbinsel.

Dr. Angelika Humbert vom Institut für Geophysik an der Universität Münster und Dr. Matthias Braun vom Zentrum für Fernerkundung an der Universität Bonn untersuchten die Desintegration des Eisschelfs mit Hilfe von Envisat und dem DLR-Satelliten TerraSAR-X. Sie haben jene Strukturen genau vermessen, die den wirkenden Stress auf das Eis anzeigen. Mittlerweile entstehen täglich neue Risse.

„In den letzten Monaten konnten wir beobachten, dass sich das Eis an der schmalsten Stelle immer weiter verformte, wie bei einem Türgelenk“, sagte Humbert. „Innerhalb des letzten Jahres verlor das Eisschelf rund 1.800 Quadratkilometer bzw. 14 Prozent seiner Größe. Die letzten Abbrüche im Februar und Mai 2008 passierten in nur wenigen Stunden und ließen die verbliebene Landbrücke in einer fragilen Lage. Die im November entdeckten Risse entstanden vermutlich durch den Verlust von 1.220 Quadratkilometern entlang der nördlichen Eisfront im Juni und Juli 2008.“

Die beiden deutschen Forscher konnten mit der Vielzahl gesammelter Aufnahmen des Wilkins-Schelfs die Entwicklung von Rissen und anderen Dehnungsstrukturen detailliert untersuchen. Da der Abbruch des gesamten Schelfs unmittelbar bevorsteht, hat die ESA eine Webcam mit den aktuellsten Aufnahmen vom Eisschelf geschaltet.

Die antarktischen Eisschelfe entwickelten sich, als nach der Vergletscherung des Kontinents das Eis weiter in Richtung Ozean glitt. Da es durch Niederschläge ständig zu einer Eisverdickung auf dem Kontinent kommt, sind Gletscher in Bewegung, an deren Ende oft ein Eisschelf steht. Von ihm brechen regelmäßig Brocken ab und schwimmen als Eisberge umher, bevor sie schließlich geschmolzen sind. Dieser Prozess ist für sich nicht ungewöhnlich und passiert auch in klimatisch stabileren Zeiten. Den größten Massenverlust verzeichnen kontinentale Eisschilde durch den Abbruch von Eisbergen, der aber ständig durch Niederschläge ausgeglichen wird.

Durch den Klimawandel nehmen Ereignisse dieser Art nun zu. Bereits 1993 hatte Prof. David Vaughan vom British Antarctiv Survey prognostiziert, dass der nördliche Teil des Wilkins-Eisschelfs binnen der nächsten 30 Jahre abbrechen würde, wenn die Erwärmung der antarktischen Halbinsel weiter fortschreitet. Tatsächlich hat sich die Luft hier in den letzten 50 Jahren um 2,5 °C erwärmt, deutlich über dem globalen Mittel. Der komplette Abbruch des Wilkins-Eisschelf würde eine neue Stufe bedeuten, waren die Abbrüche von 2008 doch nur kleinere Teile davon. Der gesamte Eisschelf hat die Größe von Schlewsig-Holstein. Eine sprunghafte Meeresspiegelerhöhung ist nach seinem Verschwinden aber nicht zu erwarten.

Auch wenn die Destabilisierung der Eisschelfe voranschreitet, lassen sich daraus aber keine Aussagen über den Stand des weitaus größeren panantarktischen Eisschildes machen. Während Schelfe – wie z. B. das schnell schwindene Eis der Artkis – durch die Meereseinflüsse deutlich rascher auf den Klimawandel reagieren, erzeugen landgebundene Eismassen ihr eigenes Mikroklima. Sie reagieren ausgesprochen träge auf Veränderungen.