Archive for the tag 'Ölpest'

Ölschiefer, geothermische Beben und das ungeliebte CO2

Juli 19th, 2010

(CC-BY, inju auf Flickr)

(CC-BY, inju bei Flickr)

Das kleine Estland, seit 2004 Mitglied der EU und seit 2010 im Euroland, hat eine steinzeitliche Energieversorgung. Davon berichtet eine als Blog verfügbare Seminararbeit. Man gewinnt mit großem technischen Aufwand Ölschiefer, einer Art geologisch unterentwickelter Kohle, die extrem feucht ist. Dafür werden ähnlich unserem heimischen Braunkohletagebau  ganze Landschaften umgegraben. Zuvor wird meist viel gerodet, denn Estland ist zu 44 Prozent bewaldet.

Die tiefe Geothermie gilt als schwacher Hoffnungsträger für die Stromversorgung der Zukunft. Denn um die Technik bei uns rentabel zu betreiben, müsste man drei bis fünf Kilometer tiefe Löcher bohren und hier den Untergrund stimulieren, also mit der Injektion von Wasser Klüfte öffnen. Dabei entstehen jedoch schwache Beben, die meist von der lokalen Bevölkerung abgelehnt werden. An der TU Darmstadt forscht man nun an der Minimierung der Erdbeben, schreibt die Berliner Zeitung.

Die Geothermie wird auch von anderer Seite bedrängt: Aktuell wird ein neuer Gesetzesentwurf zur Einlagerung von CO2 in den Untergrund erarbeitet. In Brandenburg kam es bereits zu ersten Konflikten mit geplanten geothermischen Bohrungen.

Russische Kreise hatten BP vorgeschlagen, das Leck am Meeresboden einfach mit einer atomaren Explosion abzuschließen. Matthias Reich hält diese Herangehensweise (wenig erstaunlich) für „Schwachsinn“. Er ist Professor für Bohrtechnik an der Bergakademie Freiberg und hat der taz ein Interview gegeben. Reich erklärt auch, warum eine momentan „dichte“ Absaugglocke noch viel größere Probleme schaffen könnte.

Nur BP macht nicht mit

Juli 12th, 2010

Ölverschmierte Möwe nach einem Tankerunglück vor San Francisco, 2007 (ingridtaylar bei Flickr, CC-BY)

Ölverschmierte Möwe nach einem Tankerunglück vor San Francisco, 2007 (ingridtaylar bei Flickr, CC-BY)

Ich war kürzlich sehr vorsichtig, als ich über den Kollaps von BP als mögliche Konsequenz der Ölkatastrophe schrieb. So ganz abwegig scheint der Gedanke aber nicht zu sein, findet auch die britische Regierung: Die bereitet sich auf einen Zusammenbruch des Konzerns vor, was dramatische Auswirkungen auf Großbritannien hätte, denn:

  • Über 10.000 Angestellte verfügt BP allein auf der Insel.
  • BP kontrolliert einen großen Teil des Pipeline-Netzes in der Nordsee und betreibt dort 50 Öl- und Gasförderstationen.
  • Die Pipeline Baku-Tbilisi-Ceyhan wird von BP betrieben, eine für Europa äußerst wichtige Energietransitlinie in den Raum ums kaspische Meer.
  • Die großen BP-Dividenden der letzten Jahre waren eine wichtige Stütze für britische Pensionsfonds.

Die Befürchtungen sind begründet, denn:

  • Der Firmenwert von BP ist seit dem Tag des Unglücks (20. April 2010) um 50% gesunken.
  • Sollte die derzeit abgeteufte Entlastungsbohrung (der letzte Strohhalm für das Ende der Ölkatastrophe) fehlschlagen, steht wohl eine Übernahme durch feindliche Ölgesellschaften bevor.

(via fefe)

In diesem Zusammenhang wurde mir kürzlich ein alter Witz zugespielt:

Mitarbeiter von Shell sind auf die Idee gekommen, sich ab sofort nur noch Shellisten zu nennen. Und die anderen machen es nach. So gibt es plötzlich Aralisten und Exxonisten und Totalisten und Essoisten.

Nur BP macht nicht mit.

(via Papa)

BP boykottieren?

Juni 24th, 2010

(Greenpeace UK)

(Greenpeace UK)

Im Golf von Mexiko sprudelt das Öl. Nach der Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon am 20. April 2010 sind bereits rund 270.000 Millionen Liter Rohöl ins Meer geflossen (Stand: 11. Juni). Es können auch 11.000 Liter mehr oder weniger sein, so genau weiß das keiner. So ein Leck in 1.500 Metern Tiefe schadet praktischerweise gleich mehrere Teile der Lebewelt gleichzeitig: Rohöl setzt sich aus leichten und schweren Bestandteilen zusammen. Die einen sind leichter als Wasser und schwimmen oben, schädigen Vögel, Fische und die Luftmatratzenindustrie.

Die schweren Bestandteile des Rohöls haben nicht weniger gravierende Auswirkungen: Sie sind dichter als Wasser und bleiben am Meeresgrund, wo sie mit der Strömung des Tiefenwassers verteilt werden. In so großen Wassertiefen leben viele Arten, die bis heute noch gar nicht entdeckt wurden. Dieser Teil der Umweltkatastrophe wird öffentlich kaum diskutiert, denn er ist unsichtbar.

Wer ist für die Umweltkatastrophe verantwortlich? Die Bohrmannschaften? Die BP-Konzernführung? Die US-Behörden? Oder sind es wir alle durch unseren ungezügelten Energiekonsum?

Egal wer es ist, der Schuldige soll schnell gefunden und bestraft werden, so die öffentliche Meinung. Und da multinationale Konzerne wie BP kaum durch staatliche Sanktionen belangt werden können, muss eben die Marktmacht der Verbraucher Recht sprechen. Boykottieren wir alle BP-Tankstellen (und in Deutschland bitte auch gleich Aral, ein Tochterunternehmen von BP), wird es sich der Konzern in Zukunft zweimal entscheiden, die Sicherheit hintenanzustellen!

Aber ist ein Boykott die Lösung? Was wäre, wenn BP dadurch finanziell stark angeschlagen wird oder in die Insolvenz gehen muss? Gewiss, ein Konzern mit einem Umsatz von 239 Milliarden US-Dollar und einem Gewinn von 13,9 Milliarden Dollar ist weit entfernt davon. Es lohnt sich dennoch, diese Möglichkeit einmal zu Ende zu denken. Denn gerade im Rohstoffbereich sind Firmeninsolvenzen ein probates Mittel, um sich der Sanierung von Umweltkatastrophen zu entziehen.

Der Umweltaktivist und Geografieprofessor Jared Diamond beschreibt in seinem Sachbuch Kollaps am Beispiel von Minen im US-Bundesstaat Montana, wie sich Firmen um die Sanierung selbstverschuldeter Altlasten drücken.

Insbesondere die Eigentümer kleinerer Firmen melden Insolvenz an, verstecken in machen Fällen ihr tatsächlich vorhandenes Vermögen und setzen ihre Geschäftstätigkeit in anderen oder neu gegründeten Unternehmen fort, die keine Verantwortung für die Aufräumarbeiten in der alten Mine tragen.

Für größere Bergbauunternehmen dokumentiert Diamond eine andere Strategie:

Ist das Unternehmen so groß, dass es nicht glaubhaft machen kann, es werde durch die Aufräumkosten Bankrott gehen […], leugnet die Firma stattdessen ihre Zuständigkeit oder versucht auf andere Weise, die Kosten möglichst niedrig zu halten.

Wäre BP ein kleines Unternehmen, müssten wir also durchaus Angst haben, dass eine Insolvenz genutzt dazu wird, sich aus der Affäre zu ziehen.

Anders als in Montana sind Auswirkungen im Golf von Mexiko jedoch weithin sichtbar. Autofahrer weltweit sehen ölverschmierte Pelikane in ihren Abendnachrichten: Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis bei ihnen der Gedultsfaden reißt, insbesondere im am stärksten betroffenen Land, das zugleich größter Erdölkonsument der Welt ist. Ein US-weiter BP-Boykott könnte den Riesen vielleicht wirklich ins Wanken bringen. Und dann liegt die Rechnung für die Aufräumarbeiten beim Steuerzahler.