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Die Crux mit dem Chicxulub

März 13th, 2010

Cearadactylus: Ein Gruß aus der Kreidezeit! (Smokeybjb, CC-BY-SA)

Cearadactylus: Ein Gruß aus der Kreidezeit! (Smokeybjb, CC-BY-SA)

Kontroverse wissenschaftliche Fragestellungen können durchaus unterhaltsamen Charakter entwickeln. Man kann sich auf die Zuschauertribüne setzen und mitfiebern. Der Ball wandert mal ins eine, mal ins andere Feld. Ab und an fällt ein Tor, doch das Spiel bleibt bis zum Ende spannend. Womöglich kommt es sogar zum Elfmeterschießen.

Im Wettstreit um eine der kontroversesten Debatten in den Geowissenschaften fiel vergangene Wochen mal wieder ein Tor (ich schrieb darüber für Raumfahrer.net).

Was hat das drittgrößte Massensterben der letzten 500 Millionen Jahre ausgelöst? Auf der einen Seite stehen die Befürworter der Impakthypothese: Vor 65,5 Millionen Jahren stürzte ein 10 Kilometer großer Meteorit vor der heutigen Halbinsel Yucatán ab. Er hinterließ einen 200 Kilometer durchmessenden Krater und eine Menge tote Tiere. Seit 30 Jahren steht die Impakthypothese im Raum und es gibt Anzeichen dafür, dass sie stimmt.

Doch die gegnerische Mannschaft formierte sich schnell und ihr gelang 2003 der Ausgleichstreffer. Die größte vulkanische Provinz der Welt, der Dekkan-Trapp in Indien, entstand zur gleichen Zeit wie der Einschlag in Mexiko. Zwei potentielle Auslöser, ein Massensterben. Welches Team kann das Spiel gewinnen?

Wie kam es zum jüngsten Tor der Impaktbefürworter? Letzte Woche erschien deren Veröffentlichung in der Zeitschrift Science. 40 Forscher sind daran beteiligt. Darin heißt es:

Wir tragen hier global gesammelte Erkenntnisse entlang der Schichtgrenze zusammen, um zwischen den verschiedenen diskutierten Ursachen des Massensterbens zu entscheiden. Offensichtlich tritt eine einzelne Schicht an der Kreide-Paläogen-Grenze weltweit auf, die direkt mit dem Chicxulub-Impakt zusammenhängt. Die zeitliche Abfolge der Auswurfschichten und des Aussterbeereignisses kombiniert mit Veränderungen im Ökosystem im Fossilbericht und Modellen zu den Auswirkungen des Einschlags (wie Dunkelheit und Abkühlung) lassen uns schließen, dass der Chicxulub-Einschlag das Massensterben auslöste.

Zusammenfassend: Die Forscher stellen fest, dass zwei verschiedene Ursachen für das große Sterben in Betracht kommen. Und aus den von uns zusammengetragenen Argumenten schließen wir, dass der Impakt schuld war.

Das war ein sicheres Passspiel, gut angetäuscht, sauberer Schuss. Der Torwart hatte keine Möglichkeit, noch ranzukommen. Aber das Spiel ist noch nicht aus. Die Gegenseite wird sich neu formieren, die eigenen (vielleicht nur scheinbar widerlegten) Argumente neu untermauern und einen Gegenangriff starten. Immerhin bewegen wir uns in einem wissenschaftlichen Wettkampf. Und gerade in den Geowissenschaften ist das mit den Beweisen nicht so einfach.

Der Jubel in der eigenen Fankurve ist natürlich groß. „Der Tod kam aus dem All“ titelt die Presseabteilung der Uni Nürnberg-Erlangen. Und irgendwie klingt das ja auch gut, denken sich da die Wissenschaftsjournalisten und Scieneblogger. Ein reißerisches Thema, gut zu illustrieren mit dramatischen Einschlagsbildern. Völlig einig sei sich die Forschergemeinde nun:

Internationale Studie bestätigt: Meteoriteneinschlag löste das Dinosauriersterben aus.

Beweis. So ist es. Nicht anders. Laut dröhnt die Pfeife des Schiedsrichters. Noch nicht der Abpfiff: es gibt Nachspielzeit. Der Fischblog macht Hoffnung, dass vielleicht doch noch ein Tor fallen könnte.

Was aber hat dann die Dinosaurier ausgerottet? Man weiß es nicht. Viele Paläontologen tippen – der Einfachheit halber – nach wie vor auf den Chicxulub-Einschlag, entweder allein oder im Zusammenhang mit der Bildung der Deccan-Traps, einer gewaltigen vulkanischen Struktur in Indien. Bisher unveröffentlichte Ergebnisse deuten allerdings möglicherweise darauf hin, dass etwa parallel zum Absinken des Meeresspiegels die Kontinente von einer bislang unbekannten Katastrophe heimgesucht wurden, die das Leben im Meer nur gering betraf. Das Massensterben am Ende der Oberkreide gibt mit jeder neuen Entdeckung mehr Rätsel auf.

http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/news/310302.html

Die Umwelt vermessen?

Februar 6th, 2010

Hier ist die Welt noch in Ordnung: Island

Hier ist die Welt noch in Ordnung: Island (selbstgeschossen, CC-BY-SA)

Ökologische Standards international umzusetzen ist schwierig, wie etwa die Klimaverhandlungen in Kopenhagen gezeigt haben. Gerne wird dabei übersehen, dass Klimagase nur einen kleinen Teil aller Umwelteingriffe darstellen. Hinzu kommen Wasserqualität, Umweltgifte, der Zustand von Wäldern, Fischbeständen und die Biodiversität. Alle Faktoren wirken sich auf die Lebensqualität der Menschen aus. Sind Wälder gerodet oder durch Schwefelemission stark geschädigt, Seen und Meere leergefischt und die natürlichen Kreisläufe der Nahrungskette gestört, beeinträchtigt das auch die  Entwicklungsmöglichkeiten eines Staates.

Die genannten Ressourcen werden vom Menschen überall beansprucht – je nach Land mehr oder weniger nachhaltig. Die US-Eliteuniversität Yale gibt alljährlich einen Environmental Performance Index (EPI) heraus. Jedes Land kann in den genannten Kategorien Punkte zwischen null und hundert  erhalten. Am Ende der diesjährigen Liste fällt ein internationaler Index heraus, der sich sehr interessant liest:

  • Island und die Schweiz führen die Spitze an, zwei Länder, die weltweit auch den höchsten Lebensstandard haben.
  • Auf Platz drei folgt Costa Rica, das relativ schwach industrialisiert ist und das daher saubere Quellen und eine moderate Luftverschmutzung aufweist. Das Ökosystem ist hier noch intakt, was die Lebensqualität erhöht.
  • Deutschland steht abgeschlagen auf Platz 17, u.a. wegen hohen CO2-Emissionen, Luftverschmutzung und völlig überstrapazierten Fischbeständen.
  • Die USA stehen auf Platz 61 mit gleicher EPI-Punktzahl wie Paraguay.
  • China und Indien stehen wegen dem massiven Raubbau in ihren industriellen Zentren auf den Plätzen 121 und 123. Daran tragen auch wir eine Mitschuld, denn hier werden unsere Rechner und Pullover gefertig.
  • Das Schlusslicht bilden zwei der ärmsten Länder: Sierra Leone und die zentralafrikanische Republik.

Wie bei vielen internationalen Vergleichslisten scheinen Industriestaaten zu führen – aber es mogeln sich Entwicklungsländer ebenso in die ersten Reihen wie Industriestaaten auf den hinteren Rängen landen.