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Herschel und Planck: Ein Blick hinter die Kulissen

April 26th, 2009

Das nach dem Uranusentdecker Wilhelm Friedrich Herschel benannte Teleskop ist mit 3.900 kg das Schwergewicht des Starts und besitzt mit 3,5 Metern Durchmesser die größte jemals ins All gestartete Teleskopschüssel. Um leuchtschwache Infrarotobjekte präzise aufnehmen zu können, darf Herschels Arbeit nicht durch Störsignale anderer Himmelskörper oder gar von sich selbst beeinflusst werden. Die Messinstrumente, die im Ferninfrarot sowie im Submillimeter-Bereich arbeiten, werden von superfluidem Helium auf bis zu -272,85 °C oder 0,3 K heruntergekühlt. Dafür sind die drei Spektrometer in einer großen Thermosflasche – dem Cryostaten – untergebracht. Rund 2.400 Liter flüssiges Helium werden seine Missionsdauer auf rund vier Jahre begrenzen. Ist das Kühlmittel verbraucht, sind keine exakten Messungen mehr möglich. Bis dahin wird das ESA-Teleskop die Arbeit seines US-Kollegen Spitzer und in einem deutlich breiteren Frequenzspektrum fortsetzen. Das Infrarot-Teleskop der NASA startete bereits 2003 und wird sein Kühlmittel in Kürze aufgebraucht haben.

Gelingt der ESA die Abschirmung, wird Herschel Einblicke in Raumregionen erhalten, die bisher durch dichte Staubwolken verhüllt waren. Infrarotstrahlung kann diese anders als sichtbares Licht durchdringen und ermöglicht es dem Teleskop, etwa die Entwicklung von Galaxien im jungen Universum zu untersuchen. Auch zukünftige Sonnensysteme sind von dichten Staubscheiben umgeben, aus denen sich später Planeten entwickeln können. Die Details dieser Prozesse waren bisher nur schwer zu beobachten. Herschel soll zudem die Molekülchemie von Planeten, Asteroiden und von weiter entfernten Objekten analysieren.

Die Schwerlastvariante ECA der Ariane-Trägerrakete wird die gemeinsam 5.300 kg schwere Doppelnutzlast nahe dem Lagrange 2-Punkt (L2) aussetzen. Hier gleichen sich die Schwerkraft von Sonne und Erde aus und beide Körper stehen ständig an derselben Stelle. Obwohl dies für die thermische Abschirmung der beiden Teleskope von Vorteil ist, haben die Orbits um den L2-Punkt den entscheidenden Nachteil der Bahninstabilität, so dass alle drei Wochen eine Kurskorrektur notwendig wird.

Nachdem die Ariane-Oberstufe Herschel in einen Transferorbit abgesetzt hat, kommt wenig später Planck an die Reihe. Die Aufgabe des Observatoriums besteht in der genauen Vermessung der CMB: Als das Universum 380.000 Jahre nach dem Urknall durchsichtig wurde, hatte es eine Temperatur von rund 3.000 K. Durch seine Expansion vergrößerte sich die Wellenlänge des Strahlungshintergrunds und die Temperatur des Universums sank auf den heutigen Wert von 2,7 K. Die Hintergrundstrahlung ist von Objekten unabhängig und verteilt sich relativ gleichförmig über die gesamte Himmelskugel.

Plancks Vorgängermissionen COBE (1989 – 93) und WMAP (Start 2001) der NASA hatten erstmals Karten des CMB erstellt und damit die Urknallhypothese untermauert. Planck wird die Auflösungsfähigkeit von COBE um den Faktor 50 sowie die von WMAP um den Faktor drei übertreffen. Das Observatorium wird Temperaturen von einem Millionstel Kelvin sowie Strukturen im Bereich von fünf Bogenminuten auflösen können. Laut ESA entspricht dies der erdgebundenen Messung der Wärmeabstrahlung eines lebendigen Hasen auf der Mondoberfläche.

Während das High Frequency Instrument (HFI) im Radiowellenbereich arbeitet, wird das Low Frequency Instrument (LFI) Mikrowellenstrahlung detektieren. Beide Bereiche gehören zum kosmischen Strahlungshintergrund. Das Problem seiner exakten Vermessung sind die effektive Abschirmung und Kühlung der sensiblen Detektoren. Bereits durch seinen Aufbau ist Planck passiv gekühlt: Die Abwärme der Instrumentensektion wird durch Radiatoren ins All abgeführt, so dass sich die Temperatur bei rund 50 K halten kann. Die Instrumente werden von den beheizten Komponenten des Servicemoduls abgeschirmt, das Systeme zur Datenverarbeitung, Kommunikation und Steuerung der Instrumente enthält.

Zwei weitere Kryosysteme kühlen HFI und LFI weiter herunter: mit flüssigem Wasserstoff auf 20 K, während die Strecke zwischen Teleskop und Wärme messenden Bolometern des HFI mit flüssigem Helium auf 4 K gebracht wird, dem Siedepunkt von Helium. Der technologische Gral sitzt jedoch im dritten Kühlkreislauf: Damit werden Thermometer, Bolometer und Filter auf Temperaturen zwischen 1,6 und 0,1 K gebracht. Das System setzt auf die Lösung des Helium-Isotops 3He in 4He, die in superfluidem Zustand vorliegen. In diesem Zustand unter extrem niedrigen Temperaturen und hohem Druck wirken keine internen Reibungskräfte mehr und Lösungsvorgänge können auch in Schwerelosigkeit funktionieren.

Mit Planck sollen fundamentale Probleme der Kosmologie beleuchtet werden: Wie ist es um die Expansion des Universums bestellt, beschleunigt sie sich tatsächlich? Eng damit verbunden ist die Frage der Baryonendichte, also dem Anteil der atomaren Materie im gesamten Universum verglichen mit der kaum verstandenen Dunklen Materie und Dunklen Energie. Die Modelle zur Entwicklung des jungen Universums sind bisher nur ansatzweise durch Beobachtungen nachgewiesen worden, weil ausreichend genaue Beobachtungsdaten fehlten. In der sogenannten Inflationsphase machte es laut dem theoretischen Physiker Alan Guth eine extrem schnelle Ausdehnung mit, womit die heutige Flachheit des Raums erklärt werden kann. Die hohe Energiedichte hätte nach Modellrechnungen sonst einen deutlich stärker gekrümmten Raum hervorgerufen, als wir ihn heute beobachten. Sollte es jedoch Inkonsistenzen im Theoriengebäude der Kosmologen geben, könnte Planck diese aufdecken. Dazu gehören vorhergesagte topologische Defekte wie kosmische Strings. Die Existenz dieser extrem dünnen und über viele Lichtjahre ausgedehnten massereichen Bänder könnten nach dem heutigen Urknallmodell entstanden sein, wurden bisher aber nicht gefunden.

Wilhelm Friedrich Herschel und Max Planck sind die Namen großer Forscher, die das Wissen ihrer Zeit fundamental erweiterten und veränderten. Die ESA-Missionen werden dem Ruf ihrer Namensgeber durch technologische Quantensprünge gerecht und werden vielleicht schon bald unser physikalisches Weltbild zu verändern.
Technische Daten

Herschel Planck
Startmasse: 3.900 kg 1.400 kg
Ausmaße: 7,2 x 4 x 4 m 4,2 Durchmesser, 4,2 m hoch
Kühlmittel: 2.400 Liter 1.500 Liter
Nominale Missioszeit: 3 Jahre 15 Monate
Teleskop: 3,5 m Cassegrain, 0,3 m sekundär 1,9 x 1,5 m
Frequenzbereich: 55 bis 672 µm (Nah- und Ferninfrarot) 27 GHz bis 1 Thz (Radio- und Mikrowellen)
Missionskosten: ca. 1 Mrd. Euro ca. 600 Mio. Euro

Wilkins-Eisschelf steht vor dem Abbruch

April 4th, 2009

Der der 14.000 Quadratkilometer große Eisschelf ist nach dem Abbruch zweier Teile im Februar und Mai 2008 nur noch über eine 900 Meter breite Straße mit dem antarktischen Festlandeis verbunden. Die überdurchschnittliche Lufterwärmung in der Westantarktis hat gemeinsam mit der letzten Sturmsaison zu einer Destabilisierung der Eisbrücke geführt. Dies wurde ein weiteres Mal bestätigt, als die ESA im November 2008 mit Hilfe des Umweltsatelliten Envisat neue Risse im Eis entdeckte. Das Eis ist also ständig hohem Stress ausgesetzt.

Der Wilkins-Eisschelf bedeckt die Seestraße zwischen Alexander Island, Charcot Island und Latady Island an der Westküste der antarktischen Halbinsel.

Dr. Angelika Humbert vom Institut für Geophysik an der Universität Münster und Dr. Matthias Braun vom Zentrum für Fernerkundung an der Universität Bonn untersuchten die Desintegration des Eisschelfs mit Hilfe von Envisat und dem DLR-Satelliten TerraSAR-X. Sie haben jene Strukturen genau vermessen, die den wirkenden Stress auf das Eis anzeigen. Mittlerweile entstehen täglich neue Risse.

„In den letzten Monaten konnten wir beobachten, dass sich das Eis an der schmalsten Stelle immer weiter verformte, wie bei einem Türgelenk“, sagte Humbert. „Innerhalb des letzten Jahres verlor das Eisschelf rund 1.800 Quadratkilometer bzw. 14 Prozent seiner Größe. Die letzten Abbrüche im Februar und Mai 2008 passierten in nur wenigen Stunden und ließen die verbliebene Landbrücke in einer fragilen Lage. Die im November entdeckten Risse entstanden vermutlich durch den Verlust von 1.220 Quadratkilometern entlang der nördlichen Eisfront im Juni und Juli 2008.“

Die beiden deutschen Forscher konnten mit der Vielzahl gesammelter Aufnahmen des Wilkins-Schelfs die Entwicklung von Rissen und anderen Dehnungsstrukturen detailliert untersuchen. Da der Abbruch des gesamten Schelfs unmittelbar bevorsteht, hat die ESA eine Webcam mit den aktuellsten Aufnahmen vom Eisschelf geschaltet.

Die antarktischen Eisschelfe entwickelten sich, als nach der Vergletscherung des Kontinents das Eis weiter in Richtung Ozean glitt. Da es durch Niederschläge ständig zu einer Eisverdickung auf dem Kontinent kommt, sind Gletscher in Bewegung, an deren Ende oft ein Eisschelf steht. Von ihm brechen regelmäßig Brocken ab und schwimmen als Eisberge umher, bevor sie schließlich geschmolzen sind. Dieser Prozess ist für sich nicht ungewöhnlich und passiert auch in klimatisch stabileren Zeiten. Den größten Massenverlust verzeichnen kontinentale Eisschilde durch den Abbruch von Eisbergen, der aber ständig durch Niederschläge ausgeglichen wird.

Durch den Klimawandel nehmen Ereignisse dieser Art nun zu. Bereits 1993 hatte Prof. David Vaughan vom British Antarctiv Survey prognostiziert, dass der nördliche Teil des Wilkins-Eisschelfs binnen der nächsten 30 Jahre abbrechen würde, wenn die Erwärmung der antarktischen Halbinsel weiter fortschreitet. Tatsächlich hat sich die Luft hier in den letzten 50 Jahren um 2,5 °C erwärmt, deutlich über dem globalen Mittel. Der komplette Abbruch des Wilkins-Eisschelf würde eine neue Stufe bedeuten, waren die Abbrüche von 2008 doch nur kleinere Teile davon. Der gesamte Eisschelf hat die Größe von Schlewsig-Holstein. Eine sprunghafte Meeresspiegelerhöhung ist nach seinem Verschwinden aber nicht zu erwarten.

Auch wenn die Destabilisierung der Eisschelfe voranschreitet, lassen sich daraus aber keine Aussagen über den Stand des weitaus größeren panantarktischen Eisschildes machen. Während Schelfe – wie z. B. das schnell schwindene Eis der Artkis – durch die Meereseinflüsse deutlich rascher auf den Klimawandel reagieren, erzeugen landgebundene Eismassen ihr eigenes Mikroklima. Sie reagieren ausgesprochen träge auf Veränderungen.

Rosetta: Wir sind sehr ambitioniert

September 6th, 2008

Gerhard Schwehm (ESA)

Gerhard Schwehm (ESA)

Raumfahrer.net: Herr Schwehm, Rosetta steht kurz vor dem Vorbeiflug an Šteins. Sind Sie aufgeregt?

Gerhard Schwehm: Wir sind vor allem gespannt. Dies ist das erste wirklich wissenschaftliche Ereignis, das wir auf dieser Mission haben und es sollte alles funktionieren. Alles was wir bisher gemacht haben, war das Testen der Instrumente. Der Asteroidenvorbeiflug ist nun das erste wirklich wissenschaftliche Ziel der Mission und wir äußerst zuversichtlich, denn bisher ist alles im grünen Bereich.

RN: Warum möchte die ESA überhaupt zu toten Gesteinsbrocken fliegen?

GS: Tote Brocken können uns sagen, was vor langer Zeit im Sonnensystem passiert ist. Wir können mehr erfahren über eine Zeit, in der die Bildung der Planeten mehr oder weniger zum Abschluss gekommen ist. Das Hauptziel von Rosetta ist ein Komet, das in meinen Augen eines der primitivsten Objekte ist. Heute besuchen wir mit dem Asteroiden Šteins eine andere Objektklasse, die ursprünglich schon einmal zu einem größeren Brocken akkretiert war. Sie können uns mit ihrer chemischen Zusammensetzung Auskunft geben über die herrschenden Bedingungen während der Entstehung der Planeten. Beim Vorbeiflug an Šteins hoffen wir vor allen Dingen, Informationen über das Material sammeln zu können. Denn darüber können wir auch mehr über die Bildungstemperaturen lernen. Šteins gehört zur seltsamen Gruppe der E-Typ-Asteroiden, die aus sehr eisenarmem Silikatgestein bestehen. Dies weist auf eine Entstehung unter sehr hohen Temperaturen hin. Die Zusammensetzung des Materials weist zudem darauf hin, dass der Asteroid früher Teil des Mantels eines größeren Brockens …

RN: … vergleichbar mit der Erde …

GS: gewesen ist, wenn vielleicht auch nicht ganz so groß.

Als wir Šteins ausgewählt haben, dachten wir, es handele sich um einen ganz normalen Asteroid. Durch die bessere Beobachtungen, die natürlich immer eine Folge sind, wenn man ein solches Objekt als Ziel vorgibt, kam die Klassifizierung eines eher seltenen E-Typ-Asteroids heraus. Nun haben wir ein sehr gutes Infrarot-Spektrometer an Bord. Wenn wir uns also die Spektrallinien genauer ansehen, können wir herausfinden, welche Mineralien sich an der Oberfläche befinden.

Was ebenfalls immer sehr spannend ist, ist die Größe des Objekts. Wenn wir ihn von der Erde aus beobachten, haben wir immer eine gewisse Vorstellung von der Albedo [der Rückstrahlfähigkeit, d.Red.], die gekoppelt ist mit dem Radius. Wenn wir nun den Asteroiden direkt sehen, werden wir wissen, ob die geschätzte Größe wirklich stimmt oder völlig falsch war. Dies ist auch für die erdgebundener Beobachtung anderer Asteroiden wichtig.

RN: Wie ist der genaue Ablauf der Annäherung an Šteins?

Rosetta wird die Bahn von Šteins kreuzen und im kleinsten Abstand von 800 Kilometern auf dessen Sonnenseite an ihm vorbeifliegen. Unser Manöver ist vergleichbar mit einer Autofahrt, auf der man eine Burg sieht. Zuerst sieht man sie von vorn, wenn man aber direkt daran vorbeifährt, muss man den Kopf drehen, um sie weiter sehen zu können. Da alle Instrumente fest auf Rosetta montiert sind, müssen wir die Sonde drehen, wie wir unseren Kopf drehen. So können wir den Asteroiden aus allen Richtungen sehen und erhalten ein Bild vom gesamten Körper.

Physikalisch interessiert uns die Phasenfunktion, wie also die Reflexion abhängig ist vom Winkel des einfallenden Lichts. Auch das können wir mit dem Manöver erreichen. Dabei kommen wir auch am Punkt mit dem Phasenwinkel null vorbei, an dem Rosetta die Sonne direkt im Rücken hat. Der minimale Abstand von 800 Kilometern ist für die Instrumente das absolute Minimum beim Vorbeiflug. Wenn wir noch dichter heran gehen würden, könnte sich die Sonde nicht mehr schnell genug drehen.

Einer meiner Kollegen, der schon bei der Giotto-Mission [zum Kometen Halley im Jahr 1986, d.Red.] mit dabei war, sagte damals, wir müssten mit allen damaligen Ungenauigkeiten der Bahnparameter einfach auf den Kometen zielen, um möglichst dicht an ihm vorbeizufliegen. Wenn wir das heute machen würden, würden wir mit großer Wahrscheinlichkeit mit dem Asteroiden kollidieren. Damals war die Wahrscheinlichkeit dafür nur sehr gering, heute können wir tatsächlich so genau navigieren. Das ist vor allem auf die optische Navigation zurückzuführen.

RN: Wie würden Sie Rosetta mit anderen internationalen Missionen wie DAWN oder Hayabusa vergleichen?

GS: Gemessen an den Ambitionen ist Rosetta natürlich ein viel komplexeres Projekt. Zum einen haben wir mehr Instrumente an Bord und wollen sogar einen Lander auf dem Kometen absetzen, um seine Zusammensetzung genaustens zu untersuchen. Um die Sublimation an der Oberfläche abhängig vom Abstand zur Sonne zu verfolgen, müssen wir den Kometen dazu auch auf seiner Bahn verfolgen. Damit begeben wir uns in jedem Fall ins Neuland.

DAWN hat zwar ähnliche Instrumente an Bord wie wir, insgesamt aber nur vier. Die Mission untersucht zwei Asteroiden. Was Rosetta heute mit einem Vorbeiflug macht, wird DAWN über längere Zeiträume aus einer Umlaufbahn um die Körper tun.

Hayabusa war eher eine Technologiemission, die zu einem Asteroiden fliegen sollte, um hier eine Probe zu nehmen. Was sie mit zur Erde zurückbringt wird, interessiert mich auch. Die Sonde hat uns wunderbare Bilder aus nächster Nähe eines Asteroiden gebracht, die sich völlig von denen unterschieden, die uns die NEAR-Mission von Eros übermittelte.

Letztlich wollen aber alle Missionen unser Gesamtwissen vergrößern. Mit jedem Objekt, das wir besuchen, können wir viel lernen. Die eine Mission kostet mehr als die andere und setzt andere Schwerpunkte, aber alle zusammen bringen ein großes Bild. Deshalb kann man nicht sagen, dass wir besser sind.

RN: Wir sind gespannt auf die Ergebnisse, die uns Rosetta noch bringen wird und danken für das Gespräch.

Rosetta: Auf dem Weg zu Šteins

August 28th, 2008

Šteins am Morgen des 4. August 2008 gesehen von Rosetta. Während die helleren Punkte Sterne darstellen, sind die kleineren weißen Punkte Artefakte der CCD-Kamera.

Šteins am Morgen des 4. August 2008 gesehen von Rosetta. Während die helleren Punkte Sterne darstellen, sind die kleineren weißen Punkte Artefakte der CCD-Kamera. (ESA)

Unter den vielen Himmelskörpern, die Nikolai Stepanowitsch Tschernych am Krim-Observatorium entdeckte, war der 1969 entdeckte Šteins kein herausragender. Der russische Astronom konnte in seinem Leben 537 Asteroiden und viele Kometen entdecken. Der im Durchmesser etwa fünf Kilometer messende Šteins im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter gehörte eher zu den kleineren und wurde von Tschernych nach Karlis Šteins benannt, einem wichtigen sowjetisch-lettischen Astronomen des 20. Jahrhunderts.

In Kürze wird Šteins berühmt sein. Gegen 22.30 Uhr am Freitag, den 5. September erwarten die ESA-Mitarbeiter im Europäischen Weltraumkontrollzentrum in Darmstadt erste Signale vom Vorbeiflug von Rosetta an dem kleinen Asteroiden. Spätestens am folgenden Tag wird die ESA erste Bilder veröffentlichen. Der Flyby der Sonde gilt als wichtiger Test für die Mission. Auf dem Weg zu ihrem Zielkometen 67P/Churyumov-Gerasimenko (C-G), den sie 2014 erreichen soll, ist Šteins der erste Asteroid, der noch dazu in einem besonders geringen Abstand von nur 800 Kilometern mit einer Geschwindigkeit von 8,6 km/s passiert wird. Um die nötige Geschwindigkeit für das Rendezvous mit C-G zu erreichen, musste Rosetta zuvor bereits zweimal das Erdschwerefeld und einmal das des Mars nutzen. Nach ESA-Angaben arbeitet Rosetta während des Vorbeiflugs an seinem Limit. So ist eine schnelle Rotation direkt vor der Annäherung notwendig, um die Instrumente zum Asteroiden auszurichten. Die Distanz zu Šteins stellt das absolute Minimum für eine sinnvolle Beobachtung dar.

Bis vor kurzem wusste man nur wenig über Šteins. Wegen der herannahenden europäischen Sonde wurde er jedoch etwas näher untersucht. Mit dem Very Large Telescope der Europäischen Südsternwarte ESO gelang es einem Forscherteam um den italienischen Astronomen Fornasier im Jahr 2006, den Asteroiden anhand seines Spektrums und seines Albedos, also dem Anteil reflektierten Lichts relativ zum eingestrahlten, zu klassifizieren. Er gehört zu den E-Typ-Asteroiden, die zwar nur einen kleineren Teil aller Objekte des Asteroidengürtels ausmachen, in seinen äußeren Regionen aber mit bis zu 60% die Mehrheit stellen. Sie bestehen aus basaltischen Silikatmineralen, überwiegend Enstatit, das auch im Erdmantel besonders häufig ist. Der Schluss liegt also nahe, dass Šteins ein Vertreter von Asteroiden ist, die während der Kollision mit differenzierten planetenartigen Körpern entstand, die zumindest Ansätze eines Schalenaufbaus besaßen. Solche Kollisionen dürften im jungen Sonnensystem häufig vorgekommen sein, als deutlich mehr kleine Objekte unterwegs waren, als das heute der Fall ist.

Berühmte und für die unbemannte Raumfahrt einzigartige Aufnahme: Lander Philae fotografiert ein Solarpaneel der Muttersonde Rosetta und dahinter Planet Mars während des Vorbeiflugs im Februar 2007.  (ESA)

Berühmte und für die unbemannte Raumfahrt einzigartige Aufnahme: Lander Philae fotografiert ein Solarpaneel der Muttersonde Rosetta und dahinter Planet Mars während des Vorbeiflugs im Februar 2007. (ESA)

Zuletzt hatte Rosetta selbst Informationen über den in Sichtweite kommenden Asteroiden gesammelt. Um die von der Erde aus nur ungenau bestimmbare Flugbahn von Šteins zu spezifizieren, hatten die ESA-Techniker die Sonde mehrmals pro Woche ein Bild des Zielobjekts mit der optischen Kamera gemacht. Dadurch gelang es ihnen, die Genauigkeit bisheriger Daten deutlich zu verbessern.

„Je näher wir Steins kommen, desto präziser wird unsere Kenntnis seiner Position relativ zu Rosetta sein,“ sagte Trevor Morley, Leiter des Rosetta Flugdynamik-Teams im Europäischen Weltraum-Kontrollzentrum ESOC in Darmstadt. „Dank der Rosetta-Kameras werden wir immer präzisere Messungen bekommen, die uns erlauben, Rosettas Orbit gegebenenfalls noch einmal zu justieren, um einen optimalen Vorbeiflug am Asteroiden zu gewährleisten.“

„Obwohl wir das nicht erwartet hatten, war der Asteroid bereits zu Beginn der aktuellen Bahnberechnung ständig zu sehen und das trotz der großen Distanz“, sagte Andrea Accomazzo, Rosetta-Flugleiter im ESOC. „Die außergewöhnliche Auflösung der Osiris-Kamera ermöglichte ausgesprochen scharfe Aufnahmen, was eine exakte Bahnberechnung von Šteins zuließ.“

Die Navigation über optische Aufnahmen ist nicht neu, sie wurde erstmalig im Jahr 1961 von Eugene F. Lally vom Jet Propulsion Laboratory unter dem Namen Mosaic Guidance for Interplanetary Travel beschrieben. Für die ESA bedeutet der Einsatz bei Rosetta aber eine Premiere, deren Erfolg vor allem auf die hohe Auflösungseigenschaften der Hauptkamera an Bord zurückzuführen ist. Zuletzt unternahm Rosetta am 14. August eine Kurskorrektur, welche die Geschwindigkeit der Sonde um 12,8 cm/s relativ zu Šteins veränderte und die sich anhand der neu berechneten Bahndaten des Asteroiden empfohlen hatte.

Šteins bekommt zum ersten Mal Besuch von einer Raumsonde. Es ist vermutlich ein gewöhnlicher Tag für den Himmelskörper, der kaum etwas vom vorbeischießenden Technikgeschoss spüren dürfte. Auf dem blauen Planeten rund zwei astronomische Einheiten entfernt wird das Ereignis aber einigen Wirbel erzeugen. Raumfahrer.net berichtet natürlich zeitnah darüber.

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