Nett: Ein Endlager im Süddeutschen

10. März 2010

Nach dem Asse-Desaster ist man auf der Suche nach Alternativen zum Salz. Süddeutschland kommt wieder ins Gespräch.

Die Eignung von Tongestein für die atomare Endlagerung wird weiter untersucht. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie verlängerte Anfang Februar 2010 das Vorhaben eines Forschungsverbunds der Universitäten in Saarbrücken, Dresden, Mainz, München und Potsdam sowie der Forschungszentren in Dresden, Karlsruhe und Leipzig.

Vorsicht Atommüll

Vorsicht Atommüll (freeflo, CC-BY-SA)

Weltweit werden drei Wirtsgesteine für die atomare Endlagerung diskutiert. Neben dem kristallinen Granit und Salzgestein gehören mächtige Tonsteinschichten zu den Favoriten für die sichere Verwahrung über zehntausende Jahre. Tonsteine sind komplexe Mineralgemische. Die bisherige Forschung konzentrierte sich auf ihren Hauptbestandteil, das Modellmineral Kaolinit. Nun soll von Chemikern das Verhalten von natürlichem Tonstein untersucht werden, in dem neben Kaolinit, Quarz und Kalzit auch organische Rückstände vorhanden sind.

Sollte den Atommüllbehältern radioaktiv belastetes Wasser entweichen, muss der Tonstein mit seinem Mineralgemisch eine effiziente Barriere darstellen. Es ist jedoch völlig unklar, wie sich die radioaktiven Elemente Uran, Plutonium, Neptunium und deren Zerfallsprodukte verhalten, wenn sie in Kontakt mit den organischen Bestandteilen des Tonsteins kommen. Im schlimmsten Fall könnten sie die Verbreitung der Elemente sogar beschleunigen.

Für die Endlagerung von Atommüll konzentrierte sich die deutsche Regierung bisher auf Salzstöcke. Unkontrolliert austretende Grubenwässer können hier zu nicht beherrschbaren Situationen führen. Aus dem Schacht Asse in Niedersachsen müssen mehr als 100.000 Fässer schwach- bis mittelradioaktiver Fässer kostspielig zurückgeholt werden. Ein sicheres Endlager in Salzstöcken ist seither heftig umstritten. Alternativ gelten mächtige Tonsteinschichten als interessant, wie dem im schwäbischen Untergrund verbreiteten Opalinuston. Ein 60 Kilometer breiter Streifen zwischen Ulm und Riedlingen wäre geeignet. Ein zweiter Standort im Kreis Konstanz zwischen Engen und Gottmadingen käme in Frage. Auch die Schweiz denkt über ein eigenes Endlager im Opalinuston in Benken am Rheinfall nach.

Der deutsche Forschungsverbund wurde seit 2006 mit mehr als fünf Millionen Euro gefördert. Die Verlängerung durch Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) ermöglicht die Fortführung bis 2011 und stellt dafür 695.000 Euro zur Verfügung. Dann wird eine Debatte über ein schwäbisches Endlager erneut geführt werden müssen.

Augen auf im Weltraumverkehr!

6. März 2010

Manchmal lohnt es sich, einfach nur genau hinzuschauen.

MRO: Dünenbewegungen zwischen 2007 und 2009 (NASA)

MRO: Dünenbewegungen zwischen 2007 und 2009 (NASA)

Was beim Kauf eines Gebrauchtwagens gilt, stimmt in der extraplanetarischen Forschung schon lange. Man weiß bereits, dass auf dem Mars Dünenfelder existieren. Nun konnten hochgenaue Bilder der NASA-Sonde Mars Reconnaissance Orbiter zeigen, dass sie sich auch bewegen. Zwischen 2007 und 2009 um rund 20 Meter. Phil Plait vom Blog Bad Astronomy fasst das so zusammen:

Als ich ein Kind war, galt Mars als toter Planet. Ausgetrocknet, tiefgefroren, kaum Atmosphäre. Ich hielt ihn deswegen für nicht sonderlich interessant.

So ändern sich die Zeiten.

Apropos genau hinschauen: Morgen (Sonntag) fliegt die ESA-Sonde Mars Express in einem Abstand von nur rund 100 Kilometern am größeren Marsmond Phobos vorbei. Erste Bilder davon sind für Mittwoch zu erwarten. Eigentlich will die ESA aber mit ihrem Radio Science-Experiment den inneren Aufbau von Phobos untersuchen. Über Genaueres berichtet Axel Orth.

Flussschlingen auf dem Mars

3. März 2010

Vom Abtauen gigantischer marsianischer Eisschilde.

Die NASA veröffentlichte gestern eine nette Radaraufnahme des Mars Reconnaissance Orbiters. Radarwellen bieten den Vorteil, auch unter die Planetenoberfläche blicken zu können. Hochreflektierende Materialien wie Eis werfen die Wellen zurück und sind mit gutem Kontrast auszumachen. Der abgebildete Teil der Region Deuteronilus Mensae ist knapp 1000 mal 1000 Kilometer groß und umfasst etliche vereiste Flusstäler.

Unterirdisches Eis auf dem Mars (NASA)

Unterirdisches Eis auf dem Mars (NASA)

Die Interpretation der NASA: Hierbei dürfte es sich um die Überreste eines großen Eisschildes handeln, der vor langer Zeit verschwand. Große Wassermengen mussten abgeführt werden und sind durch diese von Bergrücken umgebene Region geflossen – und erstarrten schließlich. Sie trocknete wie die meisten anderen Gegenden des Mars nicht aus, weil die Gletschermassen mit Geröll bedeckt waren. So sedimentierten sie völlig zu und lagern bis heute im Untergrund.

Anders als die Kollegen Astronomen glaube ich nicht, dass das Geröll später auf die Gletschermassen stürzte. Denn gerade in tief eingeschnittenen Tälern rutscht ständig Geröll auf bestehende Gletscher. Wenn diese abtauen (oder das Eis sublimiert), steigt die Gerölldichte an der Oberfläche sogar noch, weil tiefer im Eis liegendes Geröll freigelegt wird.

In der Bildhälfte unten links sind mehrere Mäanderschlingen und sogar Altarme zu erkennen, schon fast ein Lehrbuchbeispiel. Gletscherzungen können nicht mäandrieren. Die Täler müssen also zuerst durch fließendes Wasser eingetieft worden sein.

Die gelben Linie markieren die einzelnen Überflüge des Orbiters.

Ein Dämon aus der Tiefe

13. Februar 2010

Während die natürlichen Ursachen von Erdbeben erst im frühen 20. Jahrhundert verstanden waren, werden Beben heute vermehrt künstlich ausgelöst.

Erdbeben: Ein Dämon aus der Tiefe? (public domain)

Ein Dämon aus der Tiefe (gemeinfrei)

Wem lief dabei kein kalter Schauder über den Rücken: Die Gefährten begeben sich in die Hallen der alten Zwergenstadt Moria. Überall lauern unsichtbare Schatten und es flüstern lange gefallene Krieger. Die Unachtsamkeit von Merry und Pippin weckt den in unbeschreiblicher Tiefe ruhenden Balrog, einen Dämon aus alter Zeit.

Das erste, was man von ihm wahrnimmt, ist das Donnern seiner Schritte, dem einer gigantischen Pauke nicht unähnlich. Die Erde erzittert unter dem Dröhnen. Das Ungetüm zeigt sich schließlich, schwarz und doch feuerüberströmt. Die seismischen Vorboten seiner Schritte bereiten auf das kommende Unheil vor: Die Vibration bringt sogar die Brücke von Khazad-dûm zum Einsturz.

Dämonen schlafen in der Erde, wer sie erzürnt, muss einen Preis zahlen. Vulkanausbrüche und Erdbeben sind die Waffen der Erdengeister. Tatsächlich gehören Erdbeben zu den Naturkatastrophen, die wir erst erschreckend kurz verstehen. Alfreds Wegeners Deutung der Plattentektonik konnte glaubhaft erklären, warum sich Epizentren großer Beben auf dem Globus aneinanderreihen wie Perlen an einer Kette. Platten werden übereinander geschoben, prallen frontal aufeinander oder gleiten aneinander vorbei. All diesen Szenarien für die Entstehung starker Erdbeben ist gemein: Keine Dämonen sind hier am Werk, sondern die Kräfte der Physik. Dichteunterschiede zwischen kontinentalen und ozeanischen Platten und ein kontinuierlicher Wärmestrom hält den tektonischen Kreislauf am Leben.

Menschgemachte Beben

Epizentren von Erdbeben weltweit markieren die Grenzen tektonischer Platten (NASA/gemeinfrei)

Bebenkarte weltweit: Die Epizentren markieren die Grenzen tektonischer Platten (NASA/gemeinfrei)

In vorindustrieller Zeit konnten allen Beben natürlichen Ursachen zugeschrieben werden. Heute ist der Fall komplizierter gelagert. Der Mensch selbst hat angefangen, Beben zu verursachen. Lokale anthropogene Erschütterungen werden durch alte Bergbaustollen, Staudämme oder den Tunnelbau, aber auch durch vorbeifahrende Lastwagen und Busse verursacht. In Tschechien und Polen gibt es heute mehr Erschütterungen durch alte Minen als durch natürliche Ursachen.

Die Dämonen werden nicht nur unabsichtlich gerufen – man spannt sie zunehmend sogar zu eigenen Zwecken ein. Eine Veröffentlichung des US-Geologen Jean Elkhoury zu Folge, könnten schwache Beben die Förderleistung von Erdöl und Gas verbessern.

Im schweizerischen Basel bebte im Dezember 2006 die Erde. Im Stadtzentrum hatte die Geopower AG eine 5.000 Meter tiefe Geothermiebohrung abgeteuft, um hier ökologisch und klimafreundlich Strom und Wärme für die Stadt zu gewinnen. Dazu muss Wasser durch den Untergrund zirkuliert werden, der hier eigentlich nicht genügend Wasser durchlässt. Daher schaffte man künstlich ein Kluftsystem: Wasser wurde mit Drücken bis zu 300 bar eingepresst, im kristalline Gestein entstanden tausende schmale Klüfte. Der gewollte Nebeneffekt der Schockbehandlung: Erdbeben. Die Mikrobeben sollten einen kleinen Versatz der Risse verursachen und so verhindern, dass sie sich gleich wieder schlössen.

In Basel ging aber etwas schief: Mit Magnitude 3,4 waren die Beben nicht wie geplant unterhalb der Wahrnehmungsschwelle von Menschen. In vielen Gebäuden entstanden Risse. Der öffentliche Aufschrei war groß – das Misstrauen gegenüber der Geothermie erreichte weltweit einen Tiefpunkt. Offensichtlich war das Risiko für ein solches Ereignis nicht ausreichend an Politik und Bevölkerung kommuniziert worden. Den Dämon wollte plötzlich niemand mehr eingeladen haben (zu geothermischen Beben gibt es aktuell einen Artikel von mir auf Telepolis).

Das Beben von Basel hatte die alten Ängste der Menschen vor den Dämonen der Tiefe geweckt. Dabei ist die Aufregung über das ausgelöste Beben ein Sturm im Wasserglas. Weltweit gibt es jährlich 50.000 Beben zwischen den Magnituden drei und vier. Gebäude nehmen bei diesen Erschütterungen zwar leichten Schaden, etwa können Risse entstehen. Keine Versicherung zahlt aber für Erdbebenschäden, die unterhalb von 10 Prozent des Gebäudewerts liegen. Wenn das Erdbeben natürliche Ursachen hatte. In Basel berufen sich die Geschädigten darauf, dass der Dämon vom Menschen gerufen wurde. Die Versicherung musste auch zahlen – obwohl in keinem Fall schwere Schäden entstanden waren.

Es brauchte einen der mächtigsten Zauberer der Zeit, Gandalf den Grauen, um den Balrog aufzuhalten. Der nahm nicht nur die Brücke von Khazad-dûm mit in den Abgrund sondern auch den Magier selbst. Das Unheil kehrte in den Berg zurück, aus dem es gekommen war – für dieses Mal.

http://www.raumfahrer.net/astronomie/kepler/home.shtml

Norbert Röttgen, der Asympath

8. Februar 2010

Norbert Röttgen positioniert sich gegen die Atomkraft. Warum er das tut, ist eigentlich klar.

Norbert Röttgen (Tohma, CC-BY-SA)

Norbert Röttgen (Tohma, CC-BY-SA)

Norbert Röttgen ist ja ein sympathischer Kerl. Mit 44 Jahren könnte er fast noch der Jungen Union zugerechnet werden. Aber der Mann wollte früh hoch hinaus: bis 2009 war er Parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion. Zwischenzeitlich als Geschäftsführer beim BDI im Gespräch beerbte er 2009 Sigmar Gabriel im Amt des Bundesumweltministers.

Was macht ihn bei diesem Lebenslauf so sympathisch, wenn man nicht gerade charismatische, zur Macht strebende Politiker per se interessant findet? Ganz einfach: Norbert Röttgen ist ein entschlossener Kämpfer für Erneuerbare Energien (EE) und will nur an der Atomkraft festhalten, wenn es unbedingt nötig ist. Denn eigentlich wolle kaum jemand, dass die Meiler weiterlaufen. Und wenn wir bis 2020 einen EE-Anteil von 40 Prozent am Strommix erreicht hätten, könnten wir uns sogar den Ausstieg aus dem Ausstieg sparen. Denn dann braucht niemand mehr die Atomkraft.

Dass fast alle Prognosen über die zukünftige Rolle der Erneuerbaren bisher völlig unterhalb den realen Entwicklungen lagen, habe ich ja kürzlich dargelegt. Tatsächlich wachsen Wind, Bioenergie und Solar nämlich schneller, als fast alle Akteure in der Vergangenheit glaubten. Für das Jahr 2020 gibt der naturgemäß positive Bundesverband für Erneuerbare Energien einen Wert von 47 Prozent vor.

Diese Prognose dürfte Norbert Röttgen freuen. Entsprechend wolle er sich auch im Herbst darlegen, wie die Kernreaktoren schrittweise durch Erneuerbare Technologien abgelöst werden. Denn im Herbst plant die Regierung, ihr neues Energiekonzept vorzustellen. Und dann – so die versteckte Hoffnung der Bevölkerung – wird der ausgesprochen sympathische Norbert Röttgen die Notbremse ziehen, die ewiggestrigen Atomlobbyisten der FDP aufs Abstellgleis schicken und Wind und Sonne Vorfahrt einräumen.

Doch eine Sache macht stutzig. Am 9. Mai 2010 wird in NRW gewählt. Und wie überall im Lande sind auch hier die Menschen mehrheitlich gegen die Atomkraft. Warum sollten sie eine Partei wählen, die dann Monate später die Atomkraft wiederaufleben lässt? So eine Landtagswahl wäre doch die ideale Möglichkeit, ordentlich Denkzettel zu verteilen!

Deswegen hat die CDU einen so sympathischen Politiker wie Norbert Röttgen zum Umweltminister gemacht. Der Mann hat die Lizenz zum gegenfeuern. Ganz unverbindlich: Im Herbst wird er natürlich nicht gegen die Atomlobby ankommen. Aber er hat dann alles versucht. Und überhaupt: Die Wachstumsprognosen für die Erneuerbaren waren schon sehr geschönt. Wenn man den Rotstift von der Solarförderung versehentlich noch in die Vergütungssätze von Wind und Bioenergie abrutschen lässt, führt an der Atomkraft wirklich kein mehr Weg vorbei.

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