Archive for the 'Bilder' Category

BP boykottieren?

Juni 24th, 2010

(Greenpeace UK)

(Greenpeace UK)

Im Golf von Mexiko sprudelt das Öl. Nach der Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon am 20. April 2010 sind bereits rund 270.000 Millionen Liter Rohöl ins Meer geflossen (Stand: 11. Juni). Es können auch 11.000 Liter mehr oder weniger sein, so genau weiß das keiner. So ein Leck in 1.500 Metern Tiefe schadet praktischerweise gleich mehrere Teile der Lebewelt gleichzeitig: Rohöl setzt sich aus leichten und schweren Bestandteilen zusammen. Die einen sind leichter als Wasser und schwimmen oben, schädigen Vögel, Fische und die Luftmatratzenindustrie.

Die schweren Bestandteile des Rohöls haben nicht weniger gravierende Auswirkungen: Sie sind dichter als Wasser und bleiben am Meeresgrund, wo sie mit der Strömung des Tiefenwassers verteilt werden. In so großen Wassertiefen leben viele Arten, die bis heute noch gar nicht entdeckt wurden. Dieser Teil der Umweltkatastrophe wird öffentlich kaum diskutiert, denn er ist unsichtbar.

Wer ist für die Umweltkatastrophe verantwortlich? Die Bohrmannschaften? Die BP-Konzernführung? Die US-Behörden? Oder sind es wir alle durch unseren ungezügelten Energiekonsum?

Egal wer es ist, der Schuldige soll schnell gefunden und bestraft werden, so die öffentliche Meinung. Und da multinationale Konzerne wie BP kaum durch staatliche Sanktionen belangt werden können, muss eben die Marktmacht der Verbraucher Recht sprechen. Boykottieren wir alle BP-Tankstellen (und in Deutschland bitte auch gleich Aral, ein Tochterunternehmen von BP), wird es sich der Konzern in Zukunft zweimal entscheiden, die Sicherheit hintenanzustellen!

Aber ist ein Boykott die Lösung? Was wäre, wenn BP dadurch finanziell stark angeschlagen wird oder in die Insolvenz gehen muss? Gewiss, ein Konzern mit einem Umsatz von 239 Milliarden US-Dollar und einem Gewinn von 13,9 Milliarden Dollar ist weit entfernt davon. Es lohnt sich dennoch, diese Möglichkeit einmal zu Ende zu denken. Denn gerade im Rohstoffbereich sind Firmeninsolvenzen ein probates Mittel, um sich der Sanierung von Umweltkatastrophen zu entziehen.

Der Umweltaktivist und Geografieprofessor Jared Diamond beschreibt in seinem Sachbuch Kollaps am Beispiel von Minen im US-Bundesstaat Montana, wie sich Firmen um die Sanierung selbstverschuldeter Altlasten drücken.

Insbesondere die Eigentümer kleinerer Firmen melden Insolvenz an, verstecken in machen Fällen ihr tatsächlich vorhandenes Vermögen und setzen ihre Geschäftstätigkeit in anderen oder neu gegründeten Unternehmen fort, die keine Verantwortung für die Aufräumarbeiten in der alten Mine tragen.

Für größere Bergbauunternehmen dokumentiert Diamond eine andere Strategie:

Ist das Unternehmen so groß, dass es nicht glaubhaft machen kann, es werde durch die Aufräumkosten Bankrott gehen […], leugnet die Firma stattdessen ihre Zuständigkeit oder versucht auf andere Weise, die Kosten möglichst niedrig zu halten.

Wäre BP ein kleines Unternehmen, müssten wir also durchaus Angst haben, dass eine Insolvenz genutzt dazu wird, sich aus der Affäre zu ziehen.

Anders als in Montana sind Auswirkungen im Golf von Mexiko jedoch weithin sichtbar. Autofahrer weltweit sehen ölverschmierte Pelikane in ihren Abendnachrichten: Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis bei ihnen der Gedultsfaden reißt, insbesondere im am stärksten betroffenen Land, das zugleich größter Erdölkonsument der Welt ist. Ein US-weiter BP-Boykott könnte den Riesen vielleicht wirklich ins Wanken bringen. Und dann liegt die Rechnung für die Aufräumarbeiten beim Steuerzahler.

Solarförderung: Ein Schwanzhund?

Juni 7th, 2010

(blhphotography auf Flickr, CC-BY)

(blhphotography auf Flickr, CC-BY)

Photovoltaik ist eine Technik, über deren Sinn sich streiten lässt. Die Stromgestehungskosten sind hoch, ihr Beitrag zur Energieversorgung noch marginal. Auf der anderen Seite arbeiten die Module geräusch-, vibrations- und damit auch wartungsfrei, haben eine hohe Lebenserwartung und verursachen anders als die „konkurrenzfähigen“ fossilen Brennstoffe kaum externe Kosten.

Ob die Solarförderung in Deutschland Sinn macht, lässt sich sicher diskutieren. So schreibt „DMS !“ in einem sozialen Plaudernetzwerk in Reaktion auf einen Artikel bei Spiegel Online:

Bedauerlich. Und erschreckende Argumentation, die deutsche Solarbranche würde durch Subventionskürzungen in Gefahr geraten, so die Grünen im Bundesrat. […]

Wir können uns drauf einstellen, dass die Subventionen auf Dauer eher steigen, denn wenn andere Länder produktivere Hersteller haben, die wiederum günstigere Panels auf den Markt werfen, wird man in der deutschen Solarindustrie auf höhere Ausgleichszahlungen pochen.

Wir stecken also Steuergelder in die Solarbranche,
– damit sie noch weniger Anreize zur Effizienzsteigerungen hat.
– während mehr und mehr ausländisch hergestellte Panels auf deutschen Dächern landen.
– und nachher dürfen wir dann trotzdem noch die arbeitslos gewordenen Angestellten der insolvent gewordenen Firmen unterstützen. […]

Ein Musterbeispiel dafür, wie zerstörend eine zu lange eingesetzte Subvention ist.

Gießkannenartige Industriesubvention führen tatsächlich nicht zum Herausbilden wettbewerbsfähiger Unternehmen. Das hat sich unter wirtschaftlich kompetenten Regierungen durchaus schon herumgesprochen. Eben darum wendet das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) von 2001 einen deutlich diffizileren Hebel an.

Das EEG setzt auf Regression: Über die Jahre sinkt der jährliche Obulus pro eingespeister Kilowattstunde (kWh) Solarstrom, was eine natürliche Effizienzsteigerung der Industrie erzwingt. Die Vergütung sinkt in 15 bis 20 Jahren bis auf null – dann müssen alle Unternehmen am Markt mit fossilen Energieträgern konkurrieren können, ob aus Deutschland oder Übersee.

Das macht man bei allen erneuerbaren Energieträgern, etwa auch bei Wind und Biogas. In dieser Zeit existiert ein Druck hin zu ständig steigender Effizienz und Wirtschaftlichkeit der Technik. Wenn das einem Unternehmen nicht gelingt (oder es sich gar „auf dem Goldsäckerl ausruht“), ist es schnell vom Markt verschwunden. Damit die Unternehmen kalkulieren können, setzt das EEG auf Planungssicherheit. Wenn man diese langfristige Planungssicherheit durch kurzsichtige Gesetzgebung torpediert, zerstört man selbstverständlich die neu gebildeten Industrien.

Bei den Solarstromvergütungen aus dem EEG handelt es sich streng genommen um gar keine Subventionen des Fiskus, sondern um eine Umlagefinanzierung aller Stromkunden. Insofern zahlen sie (und nicht die Steuerzahler) für den Aufbau der nachhaltigen Energieversorgung der Zukunft, indem sie aus jeder verbrauchten kWh „Dreckstrom“ mit hohen externen Kosten (CO2-Emissionen, Endlagerung) auch etwas Nachhaltiges leisten.

„DEM !“ schreibt weiter:

Nur lasse ich mir den Bären nicht aufbinden, dass man für die deutsche Solarbranche auf ewig diese Ausgleichzahlungen leisten muss (ja irgendwann ists bei Null). Auch und gerade, wenn man bedenkt, welchen Anteil der Solarstrom in Deutschland hat und wie viel Geld das schon frisst. Korrigiert mich, aber ich meine gelesen zu haben, dass der Solarstromanteil (privat?) in Deutschland 2-3% beträgt.

Es ist immer leicht, mit dem Ist-Zustand zu argumentieren: Wenn man die Effizienzsteigerung einer Technik politisch verhindert und dies mit ihrer fehlenden Rentabilität begründet, beißt sich die Katze in den Schwanz.

Und das tut weh.

Heute kein Eisen

Mai 22nd, 2010

Aschewolke im Sonnenuntergangslicht (Martin Rietze)

Aschewolke im Sonnenuntergangslicht (Martin Rietze)

Eine aufmerksame Leserin wies mich auf die auffällige Rotfärbung der Aschewolke des Eyjafjallajökull hin. Auf der Seite von Martin Rietze macht der qualmende Schlot den Eindruck, neben grauen Schwaden periodisch auch rostrote Partikel in seine Umwelt zu blasen.

Die Vermutung liegt nahe, dass dies mit der mineralogischen Zusammensetzung der Asche zusammenhängt, vielleicht mit Eisenmineralen. Tatsächlich hört man das als Geologe im Feld meist als Antwort: „Warum ist dieser Stein so rot?“ – „Das kommt von den Eisenmineralen.“ Der Exkursionsleiter hat meist seine mobile Mikrosonde zur Bestimmung der mineralogischen Zusammensetzung gerade nicht in der Tasche. Und so kann man selbst ihm auch nur glauben.

In diesem Fall wäre Eisen aber die falsche Antwort. Die meisten oberflächennah auftretenden (und nicht umsonst rostroten) Eisenminerale sind Verwitterungsprodukte. So treten etwa ihre wichtigsten Vertreter Goethit und Limonit im Gleichgewicht mit Oberflächenbedingungen auf (also bei Oberflächendruck und -temperaturen). Vulkanische Ausgasungen sind jedoch im extremen Ungleichgewicht mit ihrer Umgebung. Eben noch unter hohem Druck in der Magmakammer, muss sich die Lava plötzlich mit den Eigenheiten der Oberfläche auseinandersetzen. Diese sind so unterschiedlich, dass die Lava sofort reagiert. Instantan. Sie hat keine Zeit, typische Mineralformen und -farben auszubilden, die Mineralpartikel im Rauch sind dafür viel zu klein, die Reaktion läuft zu rasch ab.

Was macht den Rauch nun rot? Meine Vermutung ist: Die isländische Sonne. Das Licht im Nordatlantik ist anders als in Deutschland. Sie leuchtet fast den ganzen Tag wie kurz vor Sonnenuntergang – oder nach Sonnenaufgang. Es ist alles irgendwie greller und leuchtet „seitlicher“, weil die Sonne selten weit oben am Himmel steht und meist von der Seite aus Horizontnähe scheint.

In der vergangenen Woche blies der Vulkan wieder stärker Asche aus, von 200 Tonnen pro Sekunde war die Rede. Sicher war auch eine Menge Eisen dabei.

Graue Aschewolke, "eisenrote" Aschewolke (Martin Rietze)

Graue Aschewolke, "eisenrote" Aschewolke (Martin Rietze)

Geologisch relevant

Mai 18th, 2010

Die Welt ist vergänglich. Als Geologe ist einem das bewusst, doch ist man gewohnt in Dimensionen von hunderten Millionen von Jahren zu denken – oder zumindest in hunderttausenden. Der Gígjökull, eine Gletscherzunge des allseits bekannten Eyjafjallajökull, hat sein Bild innerhalb von wenigen Wochen grundlegend geändert. Die sprichwörtlichen geologisch relevanten Zeiträume sind plötzlich nach menschlichen Begriffen zu fassen.

Eyjafjallajökull (Martin Rietze)

Eyjafjallajökull (Martin Rietze)

Eyjafjallajökull mit Gígjökull (Martin Rietze)

Eyjafjallajökull mit Gígjökull (Martin Rietze)

Die folgende Aufnahme aus dem Jahr 2008: Die Gletscherlagune ist völlig mit Lava aufgefüllt:

Gígjökull (Karl Urban, CC-BY-SA)

Gígjökull (Karl Urban, CC-BY-SA)

Vielen Dank an Martin Rietze für die Freigabe seiner Bilder. Auf seiner Seite gibt es auch etliche Ausbruchsvideos, aus nächster Nähe aufgenommen.

Reißende Fluten auf Titan?

Mai 16th, 2010

 Bild vergrößernDie Aufnahmen entstanden während des letzten Titan-Vorbeiflugs der vierjährigen Kernmission von Cassini, die daraufhin verlängert wurde. (NASA JPL)

Bild vergrößernDie Aufnahmen entstanden während des letzten Titan-Vorbeiflugs der vierjährigen Kernmission von Cassini, die daraufhin verlängert wurde. (NASA JPL)

Ein US-französisches Forscherteam um Alice Le Gall vom Jet Propulsion Laboratory (JPL) der NASA hat Radaraufnahmen des Saturnmonds Titan untersucht. Bei einem Vorbeiflug der NASA-Sonde Cassini im Mai 2008 waren Rinnenstrukturen entdeckt worden, die deutlich heller erscheinen als alle anderen Oberflächenphänomene. Die Wissenschaftler schließen nun daraus, dass sich in der gebirgigen Region Xanadu regelmäßig starke Flutereignissen auftreten. Darüber berichten sie in der Juniausgabe der Wissenschaftszeitschrift Icarus.

Wenn die Elemente irdische Gebirge zerkleinern, entsteht Gesteinsschutt. Schutt, der abtransportiert werden muss. Diese Aufgabe übernehmen Gebirgsbäche, die den Kieseln zwar freie Fahrt anbieten, aber keine sonderlich komfortablen Transportbedingungen. Es wird geschubst und gedrängelt. Schon nach wenigen Kilometern im Bach entsteht aus dem kantigen Erosionsschutt ein vertrautes Bild: Völlig gerundete und abgeplattete Kiesel säumen das Flussbett.

Genau einen solchen Prozess meint das Team um Alice Le Gall in der Bergregion Xanadu auf Titan entdeckt zu haben: „Wir glauben, dass hier die gleichen Prozesse wirken, die auf der Erde Flussgeröll polieren. Beim Abwärtsrollen werden alle Ecken abgeschliffen.“

Anders als auf der Erde spielt Wasser auf dem Saturnmond nicht die Rolle des Trägermediums, sondern die des Gesteins. Mit einer Oberflächentemperatur von -180°C ist es hier viel zu kalt für sprudelnde Gebirgsbäche – aus Wasser. Es ist zu einer harten Mischung aus Staub und Eis gefroren. Flüssiges Methan und Ethan bilden Wolken und Nebel, die auch für die Entstehung von Niederschlag verantwortlich sein dürften.

Dichte Wolken aus Kohlenwasserstoffen erschweren die Beobachtung der Titanoberfläche und die Forscher sind auf Radaraufnahmen angewiesen, da diese Wellen die Atmosphäre durchdringen und Oberflächenstrukturen abbilden können. Warum gerade die Rinnenfüllungen stärkere Reflexionen hervorrufen, war bisher nicht klar.

„Bisher wusste niemand, warum Xanadu so hell erscheint, bestätigt Teammitglied Steve Wall vom JPL. „Diese Art von Geometrien wurden in einer natürlichen Umgebung nicht erwartet. Wir glauben aber, das Rätsel gelöst zu haben.“

Runde Eiskiesel

 Bild vergrößernAbgeschliffener Gebirgsschutt ist ein klares Anzeichen für vorhandene Fließgewässer wie Flüsse.  (NASA/JPL/ESA/University of Arizona und S.M. Matheson)

Abgeschliffener Gebirgsschutt ist ein klares Anzeichen für vorhandene Fließgewässer wie Flüsse. (NASA/JPL/ESA/University of Arizona und S.M. Matheson)

Trotz vieler Unterschiede gibt es klare Analogien geologischer Oberflächenprozesse auf Erde und Titan. Das titanische Eisgestein wird ebenso zu flachen runden Kieseln, wie das an einem Bergbach in den Alpen geschieht. Den Eiskieseln kommt nun gerade ihre Form zu Gute. Denn Eis reflektiert Radarstrahlung sehr stark, noch viel besser tun dies jedoch runde Körper. Die Reflexion auf ihrer Oberfläche wird immer direkt zum Sender zurückgeschickt.

Die These von Le Galls Team ist nicht völlig gewagt, denn runde Kiesel konnten auf der Oberfläche direkt beobachtet werden. Als die europäische Landesonde Huygens am 15. Januar 2005 im Grenzbereich zwischen den Regionen Adiri und Shangri-la niederging, fand sie sich zwischen zwei bis 20 Zentimeter großen Kieseln wieder, die gut gerundet erschienen. Die Rinnen von Xanadu sind auf Cassinis Radaraufnahmen deutlich heller als Huygens‘ Landegebiet, müssen hier also viel dichter gelagert sein.

Lässt sich die Interpretation der Radardaten bestätigen, wäre ein weiterer Baustein in der Hydrosphäre des Titan geschlossen.

Dies ist ein Crosspost von Raumfahrer.net.

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